{"id":3823,"date":"2014-04-03T08:15:09","date_gmt":"2014-04-03T07:15:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeichenschatz.net\/?p=3823"},"modified":"2014-04-03T08:15:09","modified_gmt":"2014-04-03T07:15:09","slug":"leben-ohne-smartphone-ein-selbstversuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zeichenschatz.net\/en\/persoenliches\/leben-ohne-smartphone-ein-selbstversuch\/","title":{"rendered":"Leben ohne Smartphone \u2013 ein Selbstversuch"},"content":{"rendered":"<p class=\"leadin\">Mit dem Handy immer und \u00fcberall online sein zu k\u00f6nnen ist oft sein Segen, doch nach ein paar Jahren ist dieser Luxus bei mir zum Automatismus geworden. Die anf\u00e4ngliche Freiheit beginnt mich in meiner Flexibilit\u00e4t einzuschr\u00e4nken und ich habe das Gef\u00fchl hier mein Verhalten nicht mehr bewusst zu kontrollieren. Also habe ich mich vor einer Woche entschlossen mobiles Internet auf meinem iPhone zu deaktivieren. Warum und was ich mir davon erhoffe m\u00f6chte ich hier teilen.<\/p>\n<h3>Das Problem<\/h3>\n<p>Als ich vor einem Jahr in <a title=\"Wie Indien die Sch\u00f6nheit des Wartens lehrt\" href=\"https:\/\/zeichenschatz.net\/en\/blog\/reisebericht\/wie-indien-die-schonheit-des-wartens-lehrt.html\/\">Indien<\/a> und <a title=\"Mit dem Camper durch Neuseeland\" href=\"https:\/\/zeichenschatz.net\/en\/blog\/allgemein\/mit-dem-camper-durch-neuseeland.html\/\">Neuseeland<\/a> unterwegs war, bemerkte ich erstmals schlechten Anzeichen. Ich genoss unsere wunderbare Reise, doch ab dem Zeitpunkt wo WLAN in der N\u00e4he sein k\u00f6nnte, wurde ich nerv\u00f6s und versuchte krampfhaft mit meinem iPhone in irgendwelche Netzwerke reinzukommen. War ich dann online sah ich irgendwelche belanglosen Dinge nach (ich\u00a0war noch nie so oft auf Facebook wie damals). Und dabei gab es selten einen wirklichen Grund online zu gehen, ich musste es einfach sein, wenn ich es konnte. Fast, als w\u00e4re Internetzugang ein Grundbed\u00fcrfnis wie sauberes Wasser.<\/p>\n<blockquote><p>Ich musste einfach online sein, wenn ich es konnte. Fast, als w\u00e4re Internetzugang ein Grundbed\u00fcrfnis wie sauberes Wasser.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun verbrachte ich letzte Woche in Hamburg, wo ich \u00e4hnlich online sein musste, wenn es WLAN gab, anstatt die Stadt und das neue Umfeld voll bewusst zu erkunden. Das war der Punkt wo ich gemerkt habe, dass dieses Verhalten schon begonnen hat mich zu kontrollieren und ich es nicht mehr bewusst einsetze. Wieder zur\u00fcck in \u00d6sterreich setze ich mich nun seit einer Woche selbst auf kalten Entzug von mobilem Internet.<\/p>\n<h3>Was bedeutet kein mobiles Internet?<\/h3>\n<p>Kein Internet auf dem Handy unterwegs zu nutzen bedeutet f\u00fcr mich\u00a0und meinen Alltag konkret:<\/p>\n<ul>\n<li>Kein Surfen und Googlen.<\/li>\n<li>Keine E-Mails checken.<\/li>\n<li>Keine E-Books, RSS-Feeds und kein Instapaper lesen.<\/li>\n<li>Keine Musik oder Podcasts streamen und kein \u00d61 nachh\u00f6ren.<\/li>\n<li>Keine Videos, Serien oder TV-Beitr\u00e4ge schauen.<\/li>\n<li>Kein Social Media \u2013 in meinem Fall Instagram, Twitter oder Fourquare (von Facebook habe ich mich schon seit ein paar Monaten verabschiedet).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Unterm Strich bedeutet das: mein Smartphone wird zum Phone und ich vielleicht dadurch etwas smarter.<\/p>\n<h3>Warum<\/h3>\n<p>Bei meinem Selbstversuch geht es mir keineswegs darum dem Internet loszusagen\u00a0und asketisch zu leben. Ich m\u00f6chte durch den Verzicht lernen den Zugang zu mobilem Internet wieder zu sch\u00e4tzen und bewusst zu nutzen. Gleichzeitig m\u00f6chte ich mir auch Freir\u00e4ume gestatten, um Situationen, in denen ich nicht online sein muss, auch genie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Ich m\u00f6chte wieder im Moment leben k\u00f6nnen<\/h4>\n<p>St\u00e4ndig habe ich das Gef\u00fchl irgendetwas zu verpassen und nachschauen zu m\u00fcssen. Beim Warten auf Etwas, im Kaffeehaus, bei kurzen Unterbrechungen eines Gespr\u00e4chs, w\u00e4hrend des Essens,\u00a0wenn ich im Bett nicht gleich einschlafe \u2013 eigentlich in jeder freien Sekunde. Sofort wird das Smartphone gez\u00fcckt, jeder Moment muss genutzt werden.\u00a0Es ist ein schleichendes Gef\u00fchl des Gehetztseins und das schlechte Gewissen, wenn ich dem Dran t\u00e4tig zu sein nicht nachgebe.<\/p>\n<p>Wenn ich aber ehrlich bin verpasse ich st\u00e4ndig Etwas, ich kann ja nicht alles erleben. Und das muss ich lernen zu akzeptieren. Was ich n\u00e4mlich vor allem verpasse sind Momente der Ruhe.\u00a0Durch die M\u00f6glichkeit und den Drang immer etwas tun zu m\u00fcssen beraube ich mich der M\u00f6glichkeit loszulassen und auch langweilen zu d\u00fcrfen. Die kostbare Langeweile schafft Raum f\u00fcr Neues. Nach der Anspannung folgt die Entspannung. Das m\u00f6chte ich wieder zulassen.<\/p>\n<h4>Ich m\u00f6chte schadhafte Verhaltensmuster ablegen<\/h4>\n<p>Das regelm\u00e4\u00dfige Nachschauen von irgendetwas am Smartphone ist ein Verhaltensmuster, das sich in den letzten Jahren eingepr\u00e4gt hat und von mir nur noch unhinterfragt ausgef\u00fchrt wird. Ich schaue aufs Smartphone um aufs Smartphone zu schauen. Selten gibt es einen wichtigen Grund etwas herausfinden zu m\u00fcssen, was ich nicht auch sp\u00e4ter am Laptop checken k\u00f6nnte.\u00a0Es ist mittlerweile eine Selbstbesch\u00e4ftigung, die ungef\u00e4hr so abl\u00e4uft: Was gibt es denn Neues? Wow, andere machen so tolle Projekte und ich schau nur auf mein Handy. Was k\u00f6nnte ich als n\u00e4chstes nachschauen?<\/p>\n<p>Dadurch werde ich langsam von jemanden, der Dinge aus einer inneren Motivation heraus macht zu jemand, der sich nur Reize von Au\u00dfen holt, die eher l\u00e4hmen als inspirieren. Denn nach dem Blick aufs iPhone bin ich meistens nur unzufriedener und unruhiger. Ich merke wie mir dieses Verhalten schadet, deshalb m\u00f6chte ich es ablegen.<\/p>\n<h4>Ich m\u00f6chte meine Scheuklappen ablegen<\/h4>\n<p>Das Bild des ferngesteuerten, mit Kopfh\u00f6rern best\u00fcckten, ins Smartphone starrenden Menschen, der seine beiden wichtigsten Sinne der Umwelt nicht mehr zur Verf\u00fcgung stellt, ist ja schon ganz normal in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln. Und das finde ich f\u00fcr mich selbst schade. Ich m\u00f6chte mich auf meine Umwelt einlassen und die Welt wieder mehr in mich hineinlassen.<\/p>\n<h3>Die erste Woche<\/h3>\n<p>Die erste Woche habe ich gemischt wahrgenommen. Der Drang immer etwas konsumieren und die Zeit \u201enutzen\u201c zu m\u00fcssen, steckt tief in mir.\u00a0Das Verzichten in der U-Bahn ging halbwegs, da fahre ich n\u00e4mlich nicht so lange. Schwieriger ist es bei der Bahn. Die zwanzigmin\u00fctige Strecke und Wartezeit verlocken sehr, wieder online zu gehen und schnell etwas nachzuschauen, einen Artikel zu lesen oder ein Video zu sehen. Auch der Fu\u00dfweg zum oder vom Bahnhof locken einen Podcast oder Radio zu h\u00f6ren. <\/p>\n<p>Einmal habe ich geschummelt, um unterwegs eine Telefonnummer zu googeln, sonst aber habe ich es geschafft das Handy nur zum Telefonieren selbst zu verwenden. Im Bureau oder zuhause habe ich mir den Freiraum gelassen das Handy mit WLAN zu verwenden, denn mache Apps zu nutzen (wie das Wetter) ist doch praktischer als den Laptop herzuholen. Ein positiver Nebeneffekt bisher: ich muss mein iPhone anstatt jeden Abend nur noch alle zwei Tage aufladen. <\/p>\n<p>Dieser Selbstversuch fordert meine Konsequenz und ich bin neugierig, wie es mir in ein paar Wochen damit geht. Was ich aber jetzt schon feststellen kann: es f\u00fchlt sich trotz allem doch erleichternd an zu verzichten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Handy immer und \u00fcberall online sein zu k\u00f6nnen ist oft sein Segen, doch nach ein paar Jahren ist dieser Luxus bei mir zum Automatismus geworden. Die anf\u00e4ngliche Freiheit beginnt mich in meiner Flexibilit\u00e4t einzuschr\u00e4nken und ich habe das Gef\u00fchl hier mein Verhalten nicht mehr bewusst zu kontrollieren. 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